

Heute erzähle ich dir eine andere Weihnachtsgeschichte.
Eine persönliche.
Und eine, die vielleicht erst noch vor dir liegt – und vor mir.
Vielleicht liest du diesen Text in einer Zeit, in der Weihnachten sich nicht entspannt anfühlt.
Vielleicht suchst du gerade nach dem, was wirklich zählt.
Erfahre, was dir diese Weihnachtsgeschichte erzählen möchte.

Es ist noch nicht so lange her, vor genau sechs Jahren, als eine kleine Familie auf einem sehr kleinen Boot – etwa so lang wie dein Wohnzimmer – in der Neuen Welt ankam.
Weit hinter dem Horizont, hinter dem unendlichen blauen Wasser des Atlantischen Ozeans, mitten in der Nacht, erblickten sie in der tiefen Dunkelheit die fast unsichtbaren Lichter einer kleinen Insel: St. Vincent.
Die Kleinen – der süße blonde Zweijährige und der lebhafte, fröhliche Vierjährige – schliefen zufrieden in dem einzigen Bett an Bord, das von allen Seiten mit dicken Brettern gesichert war, damit sie von den tobenden Wellen nicht auf den Boden geschleudert wurden.
Sie ahnten nicht, dass die Palmeninsel bereits auf sie wartete.

Der Vater stand am Steuer und führte das Boot in die Bucht, die „Blue Lagoon“ genannt wird.
Die Mutter saß daneben – erschöpft.
Denn sie waren seit 18 Tagen unterwegs gewesen, durch wildes Wetter und Sonnenschein, allein zu viert, ohne eine einzige menschliche Seele gesehen zu haben.
Unvorstellbar und wundervoll war es, den amerikanischen Kontinent erreicht zu haben.
Nicht wegen der Neuen Welt.
Sondern wegen dem, wofür sie stand.
Und warum der Vater und die Mutter diesen Weg gewählt hatten.
Denn es gibt nichts Wichtigeres als Familie.
Nichts Wertvolleres als gemeinsame Zeit.
Nichts Lebenswerteres, als jeden Tag zusammen zu verbringen.
In dieser Hoffnung waren sie viele Monate zuvor von den grünen, flachen Wiesen der Niederlande losgesegelt.
Auch wenn es manchmal schwierig war – es ist das Einzige, wofür es sich wirklich lohnt zu leben:
Mit denen vereint zu sein, die man liebt.

Kurz vor Heiligabend erreichte die kleine Familie die Insel Mustique.
Es hätte auf dieser Erde keinen schöneren Ort geben können.
Das kleine blaue Boot ankerte in der türkisblauen Bucht.
Mit einem kleinen Beiboot fuhren sie an Land.
Keine Menschenseele.
Nur Natur.
Nur Glück.
Die Kinder spielten stundenlang friedlich im Sand und Meer – zumindest dann, wenn sie sich nicht stritten (was natürlich leider öfters vorkam).
Der Vater und die Mutter saßen im hellen Sand und konnten sich nicht sattsehen an der überwältigenden Schönheit von Himmel und Meer.

Zur Mittagszeit wurde ein Weihnachtsbaum aus grünem Papier ausgeschnitten und in die Mitte des Tisches gestellt.

Die Wände wurden dekoriert, die Fenster mit Weihnachtsbildern beklebt, Plätzchen gebacken.
Es gab auf dieser Insel nichts zu kaufen.
Aber für jedes Kind war schon Monate zuvor ein einziges kleines Geschenk mitgenommen worden.
Weihnachtslieder wurden gesungen.
Geschenke ausgepackt.
Es hätte nicht vollkommener sein können.
Und doch holte der Fluch des Erwachsenenseins die beiden ein.
Unaufhaltsam.
Eine tiefe Traurigkeit schlich sich in ihre Herzen.
Weder die sattgrünen Palmen noch das Lachen der Kinder konnten sie davon befreien.
Denn sie waren allein.
Und einsam.

Auch wenn es eine bewusst gewählte Einsamkeit war, konnte sie die Realität nicht überdecken.
Die Erinnerungen an die vielen Weihnachtsfeste der Vergangenheit – mit all ihren Streitigkeiten, dem Stress und der Geschenkesuche – waren weit weg – sowie die liebgewonnenen Menschen:
Brüder, Schwestern, Mütter, Väter, Omas und Opas – auf der anderen Seite des Ozeans.
Ja, Weihnachten ist die Zeit der Familie und der Liebe.
Wenn man das hat, ist schon das Wichtigste da.
Den beiden wurde in dem Moment klar:
Weihnachten kann man nur dann von ganzem Herzen genießen,
wenn man sieht, was man hat –
und nicht, was man nicht hat.

Denn immer wird etwas unperfekt sein.
Das Verhalten der Menschen.
Das Weihnachtsessen.
Ein unpassendes Geschenk.
Aber auf jeder Insel, in jeder Stadt und in jedem Haus gibt es genug,
wenn Liebe da ist.
Vielleicht ist genau das deine Weihnachtsgeschichte in diesem Jahr.
Und genau so ein Weihnachtsfest wünsche ich dir:
Eines, in dem du zufrieden bist mit dem, was du hast.
In dem du nicht nach mehr suchst.
Eines, in dem du so erfüllt von Liebe bist,
dass dir alles genug ist – und du dir auch.
Vielleicht ist dieses Weihnachten nicht perfekt.
Aber vielleicht ist es genau richtig so.
Es ist unsere – aus dem Jahr 2019.
Von der Atlantiküberquerung und der fabelhaften Familienzeit in der Karibik.
