

Es waren genau drei Tage vor Ferienbeginn, als ich es plötzlich verstanden habe: Es kommt ein Wochenende – 2 Tage frei, 2 Tage Kinder beim Papa.
Es war nicht nur das. Vor meinem inneren Auge sah ich mehr.
Vor genau drei Monaten ist etwas passiert. Der Himmel ist über mir eingestürzt. Es ist etwas passiert, worüber ich nicht schreiben möchte und ja, die drei Monate waren hart. Mehr als hart.
Neben dem Ganzen ging ich jeden Tag zur Arbeit, versorgte die Kinder, kümmerte mich um den Haushalt, ging zu Ärzten, nahm gefühlt 100 Termine am Tag wahr. Der ganz normale Wahnsinn.
Es wurde langsam besser. Aber trotzdem: In drei Tagen beginnen die Ferien – eine wundervolle Zeit. Doch für eine Mutter, die die ganzen Ferien alleine für die Kinder verantwortlich sein wird, sind Ferien einfach nur eine andere Art vom Weitermachen.

Da wären aber diese zwei Tage. Ein Wochenende. Ohne Kinder. Was könnte ich machen? Die Wohnung aufräumen, im Bett chillen (habe ich auch lange nicht gemacht) oder irgendwo hinfahren …
Vor meinem inneren Auge gingen alle Varianten durch – Schwimmbad, Freundin in Hamburg, irgendeine Stadt in der Nähe …
Aber eigentlich wusste ich: Ich will ans Meer. Ziemlich verrückt, wenn man in einer Kleinstadt in der Nähe von Stuttgart lebt. Das war klar.
Träumen ist jedoch nicht verboten, recherchieren auch nicht. Flugreise zu “umweltfeindlich“ und zu teuer, Auto nicht vorhanden und zu anstrengend, Zug in den Süden zu kompliziert, in den Norden zu kalt. Ich weiß, verrückt.
Da habe ich mich an eine Kollegin erinnert: Direktverbindung nach Venedig. Stuttgart–Venedig. Flixbus. 11 Stunden Fahrt – hin und zurück, 166,- Euro. Immerhin billiger als die Zugfahrt nach Hamburg.

166,- Euro – um für einen Tag nach Venedig zu fahren. Verrückt. Aber vielleicht ist es genauso verrückt, dass ich vor zwei Wochen mit den Kindern in einer Eishalle war und tatsächlich 60 Euro bezahlt habe.
Genauso verrückt ist es vielleicht, dass ich noch nie eine Städtereise alleine gemacht habe – nur für mich, nur mit meinem Geld, nur weil ich es gerade brauche …
Und ehrlich – ich habe viele Freundinnen, die jeden Tag ihr Bestes geben, die viele Träume haben, und keine hat je so etwas gemacht.
Ja, ich habe gebucht. Zwei Tage vor der Abreise. Ein Ticket für den Flixbus nach Venedig.
Ja, ich fand es verrückt. Ja, ich wollte es sehr.
Ja, heimlich habe ich gedacht: Ich habe es echt verdient. Es ist meine Chance. Denn das Leben geht einfach weiter, und es wird nicht einfacher.
Es war anstrengend. Das fast Anstrengendste war die Fahrt mit dem Schienenersatzverkehr von unserer Kleinstadt zum Flughafen Stuttgart.
Als ich da angekommen war und die S-Bahn mit dem Namen unserer Stadt sah, wäre ich am liebsten eingestiegen und hätte mich zu Hause auf die Couch gelegt.
Bin ich aber nicht …

Im Bus zu schlafen war auch anstrengend, auf dem Bahnhof in München um 2:00 Uhr in der Nacht auf den nächsten Bus zu warten auch, aber …
Es hat sich so gelohnt. Ich würde es gerne beschreiben, aber mir fehlen die Worte. Die ganze Zeit habe ich nur gedacht: Ich kann nicht glauben, dass ich da bin … Schließlich sagt doch ein Bild mehr als tausend Worte.

Was mich glücklich gemacht hat, war nicht Venedig. Ich war da ja schon vor 18 Jahren, sondern das Gefühl, dass ich mich nicht „übersehen“ habe.
Ich wollte ans Meer – ich habe es getan.
Ich hatte meine Zweifel (Geld, Stress, Müdigkeit). Ich bin trotzdem gefahren.
Ich habe etwas erlebt.
Ich war da.
Ich war bei mir.

Man macht so eine Reise nicht jeden Tag, nicht einmal im Monat, nicht mal einmal im Jahr – aber vielleicht sollte man sie machen.
Vielleicht sollte man tatsächlich mehr vom Leben haben – nicht irgendwann, sondern jetzt.
Egal, wie verrückt es klingt.